Norbert Zongo – La Lutte continue

•Dezember 10, 2008 • Kommentar schreiben

Norbert Zongo, geboren im Juli 1949 in Koudougou, war ein regierungskritischer Journalist und Gründer der oppositionellen Wochenzeitung L’Indépendant. Am 13. Dezember 1998 wurden Zongo sowie drei Begleiter erschossen in einem ausgebrannten Wagen auf der Straße nach Léo gefunden. Bis heute wurde nicht aufgeklärt, was damals geschah. Die Regierung verschleppte die Aufklärung des Falles stattdessen und tut dies auch heute noch.

Infos zum Fall Zongo: http://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Zongo und http://www.rsf.org/article.php3?id_article=2484

Infos zu den Aktionen anlässlich des 10. Todestages (namentlich der Petition): http://allafrica.com/stories/200812040016.html und http://norbertzongo10ans.blogspot.com/

Die Zeitung L’Indépendant: http://www.independant.bf/

Jeden ersten Sonntag im Monat treffen sich zudem einige Frauen am Grab Zongos auf dem Friedhof in Gounghin und demonstrieren für Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit. Unter ihnen ist auch die Schwester des Verstorbenen, Georgette Zongo.
Die Femmes en noir freuen sich jederzeit über interessierte Mitdemonstranten. Männer sind natürlich auch willkommen.

Es empfiehlt sich etwas Schwarzes zu tragen, um die Solidarität mit den Femmes en noir zu unterstreichen. Georgette Zongo beantwortet im Anschluss an das Gebet gerne Fragen. Also keine Schüchternheit vortäuschen sondern ein Zeichen setzen und beim nächsten Mal auf nach Gounghin – La Lutte continue!

Infos zu den Femmes en noir du Faso: http://www.lefaso.net/spip.php?article29931&rubrique4

Die Notwendigkeit des Schlafens

•Mai 29, 2008 • 2 Kommentare

Wir befinden uns am Busbahnhof einer beliebigen burkinischen Kompanie und fragen nach dem nächsten Bus nach Fada N’Gourma, einer Stadt im Osten Burkinas. Der Ticketschalter ist grundsätzlich auf einer solchen Höhe angebracht, dass er für kleinwüchsige Menschen zu hoch und für alle anderen zu niedrig ist. Aus diesem Grund sieht man allenthalben Menschen mit gekrümmten Rücken vor Wänden mit Gitterfenstern stehen, durch welche man mit etwas Glück einen Ticketverkäufer erspähen kann – meistens ist dieser aber gerade abwesend. Wir haben Glück, er ist anwesend und teilt uns bereitwillig mit, dass es jeweils um sieben und um dreizehn Uhr einen direkten Bus gibt. Motiviert durch so viel Informationsfluss fragen wir, wie lange die Fahrt normalerweise dauert. Ratlosigkeit macht sich auf dem Gesicht des Verkäufers breit. Er überlegt kurz und sagt dann „Sieben Uhr und dreizehn Uhr“.

Ganz ähnlich sieht es aus, wenn wir nach der ungefähren Dauer einer Buschtaxifahrt von Djibo, im Norden des Landes, nach Ouagadougou fragen. Ein besonders findiger Fahrer erklärte mir einst, dass es so lange dauert wir es dauert. Auf solch geballte Weisheit viel mir keine Antwort ein.

Die Frage nach der Länge einer Fahrt erübrigt sich aber meistens sowieso, da eigentlich keine längere Fahrt ohne unvorhergesehene Ereignisse wie leere Benzintanks, fehlende Ersatzräder oder mangelndem Kühlwasser vonstatten geht. Aus diesem Grund ist es bei kurzen Strecken durchaus sinnvoll, darüber nachzudenken, selbst zu fahren.

Vorher müssen wir jedoch zum Mechaniker, weil beim Moped ein Teil kaputt ist, welches bereits gestern repariert wurde. Wir fragen ihn, wie lange die Reparatur  etwa dauern wird und er schaut uns verdutzt an: „Das kann man in Afrika nicht sagen“. Die Tatsache, dass er die gleiche Reparatur schon gestern und vermutlich insgesamt allein an diesem Moped knapp einhundert Mal durchgeführt hat, scheint der Regel, dass Zeitspannen in Afrika schlichtweg nicht fassbar sind, nicht entgegenzuwirken.

Zeit, die unabhängig ist, verrinnt, eingeteilt werden muss und, wenn sie „frei“ ist, als etwas besonderes gilt, gibt es in Westafrika nicht. Afrikanische Zeit ist vom Menschen abhängig, sie „macht sich als Folge unseren Handels bemerkbar, und sie verschwindet, wenn wir etwas unterlassen oder überhaupt nichts tun“*. Als solche ist sie nicht messbar und die Frage nach der Dauer einer Fahrt oder Mopedreparatur kann nicht im vornherein beantwortet werden. In den meisten Fällen wird sie gar nicht erst verstanden.

Was mich immer wieder verwirrt ist die Szene, die ich vor zwei Wochen in voller Pracht erlebte, als in einem Minibus von Mali nach Burkina fuhr und in Koro, der Grenzstadt, das Gefährt wechseln musste. Ich stieg aus dem ersten Minibus aus und bevor ich auch nur beide Beine auf dem Boden hatte, kam ein Mann angerannt. Ganz außer Atem fragte er, wo ich hinwolle. Ouahigouya, sagte ich. Der Bus stünde bereit, ich müsse mitkommen, sofort. Er war sichtlich gehetzt.

Wäre ich neu in Westafrika, würde ich annehmen, dass der Bus in spätestens zwei Minuten abfährt und mich von seiner Eile anstecken lassen. Wäre ich bereits vor einigen Wochen angekommen, würde ich denken, dass der Mann mich von der Konkurrenz fernhalten will. Beide Hypothesen werden sich nach einigen Monaten als falsch herausstellen und das Phänomen als solches wird mangels einleuchtender Erklärungen zusammen mit vielen anderen unter „Westafrikanische Eigenheiten“ abgespeichert.

Bevor ich eine Chance hatte mein Gepäck vom Dach des Busses entgegenzunehmen machte sich der gestresste Mann damit bereits im Eiltempo auf den Weg zum nächsten Bus, ganze hundert Meter entfernt. Am Ticketschalter, diesmal einer windschiefe Strohhütte, angekommen, verkaufte er mir das Ticket – nicht ohne viel Augenrollen und Zettelwedeln angesichts der Langsamkeit, mit  der ich mein Geld herauskramte. Kaum hatte ich jedoch mein Ticket, verließ ihn jegliche Eile und ich kam mir vor wie in einem Film, der plötzlich in Slowmotion abgespielt wird.

Nichts passierte. Es war gegen Mittag, die Sonne knallte erbarmungslos auf die Strohhütte, die Luft stand still, der Schweiß lief. Im hinteren Teil der Hütte standen einige Holzbänke, auf denen etwa acht Menschen regungslos saßen und warteten. Warten ist eine Kunst, die Afrikaner beherrschen wie kein anderer: „Sie richten sich so bequem wie möglich ein, an einem möglichst angenehmen Platz. Manchmal legen sie sich hin, oder sie hocken sich einfach auf die Erde, auf einen Stein oder auf die Fersen. Sie hören auf zu sprechen. Eine Menge regungslos Wartender ist stumm. Sie gibt keinen Laut von sich, sie schweigt. Die Muskeln entspannen sich. Der Körper wird schlaff, rutscht tiefer, neigt sich nach vorn. Der Hals wird steif, der Kopf bewegt sich nicht mehr. Der Mensch schaut sich nicht um, er sieht nichts, er ist nicht neugierig. Manchmal hält er die Augen geschlossen, aber nicht immer. Meist sind die Augen offen, doch der Blick ist abwesend, ohne einen Funken Lebens.“*

Nach einer Stunde, die ich damit verbracht hatte im Schatten zu sitzen und Fliegen, die sich an meinem Schweiß laben wollten, zu verjagen, fragte ich, wann wir denn losfahren würden. Man wartete noch auf fünf weitere Passagiere um den Bus fachkundig zu überfüllen, man würde spätestens um drei Abfahren. Es war eins. Ich beschloss, die Frage nach der Dauer der Fahrt für mich zu behalten und stattdessen zu schlafen. Wenn ich schlafe, ist mir egal, wann das Taxi losfährt, wie lange eine Busfahrt dauert oder zu welcher Uhrzeit ich mein repariertes Moped abholen kann. Schlaf ist für mich so etwas wie ein Zeitraffer – und als solcher unabdingbar in Westafrika.

 

 

*Ryszard Kapuscinski: Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus 40 Jahren, Piper Verlag GmbH München, 2006, S. 18-19

Mali

•Mai 15, 2008 • 7 Kommentare

Mali hat alles, was ein Land braucht, um bei mir Eindruck zu schinden. Aus Mali kommt die berühmteste Musik Westafrikas, in Mali steht das größte Lehmgebäude der Welt, durch Mali fließt der Niger, in Mali liegt das sagenumwobene Timbuktu, Mali ist außerdem das Tor zur Sahara und das berühmte Land der Dogon, das befindet sich auch in Mali.

Dummerweise sind das alles Dinge, die auch bei anderen Leuten Eindruck schinden. Und so ist Mali voll von Touristen, und zwar von solchen, die überteuerte Reisen und Führungen buchen, die für ihre Souvenirs das zehnfache des üblichen Preises zahlen und im Gegenzug auf lokaler Etikette und Tradition herumtrampeln.

Kommt man nun als verstaubter und übermüdeter Backpacker mit dem Buschtaxi daher, dann stößt das auf Unverständnis und Ablehnung. Ein verstaubter und übermüdeter Backpacker, der gerade aus dem Buschtaxi klettert, keinen Führer zum teuersten Hotel, keine Fahrt auf dem Niger und keine Tour durch das Dogonland will, sondern eigentlich nur die billigste Schlafmöglichkeit vor Ort ansteuert und vorher noch eine Portion Riz Sauce für maximal zwanzig Eurocent verspeisen möchte, der bringt kein Geld ein und ganz automatisch endet dann die hoch gelobte afrikanische Gastfreundschaft. Ein frustrierendes Erlebnis, ist doch der Backpacker derjenige, der versucht, sich den lokalen Gewohnheiten anzupassen. Er weigert sich des Respekts wegen rund 100 Euro für die Aufführung einer Dogon-Zeremonie zu zahlen oder mittels der Dienste teurer „Schleuser“ ins Innere der Moschee von Djenné zu gelangen. Das stößt größtenteils auf Unverständnis und so findet der Backpacker sich plötzlich wüsten Beschimpfungen ausgesetzt.

In meinen Fall fielen diese Beschimpfungen recht amüsant aus: Ich reiste mit einem männlichen Freund was in Westafrika undenkbar ist, weshalb ich offiziell die Frau meines Bekannten war. Da ich länger hier bin, mehr Erfahrungen im Abwimmeln aufdringlicher Verkäufer und außerdem die besseren Französischkenntnisse hatte, war ich es, die mit den Führern und Verkäufern geredet hat. Ich erklärte einem Mann in Djenné, dass ich wirklich keinen Guide bräuchte, da ich mich überhaupt nicht für die Geschichte der Stadt interessiere und mir auch die Moschee völlig schnuppe sei. Das stieß auf völlige Fassungslosigkeit und der vermeintliche Führer fing an, auf meinen Bekannten einzureden und ihm zu erklären, dass er sich ganz dringend eine neue Frau zu legen müsse, da ich ganz offensichtlich verrückt und schlecht sei. Sowieso wurde mir kreuz und quer durch Mali mitgeteilt, dass ich nicht nett sei, dass ich gar rassistisch wäre. Ich habe das irgendwann nur noch mit einem freundlichen „Oui, oui, je suis pas gentile, je suis JAMAIS gentile, tu sais?“ (Jaja, ich bin nicht net, ich bin NIE nett, weißt du?) quittiert.  Das stieß auf noch mehr Fassungslosigkeit. Ironie ist in Afrika nicht bekannt und wenn man sie anwendet, dann löst das große Verwirrung aus. Ich habe damit immer viel Spaß.

Aber trotz der Unterhaltung, die man gelegentlich beim Abwimmeln von Guides haben kann – ich fand Mali ungemein anstrengend und unsympathisch. Nach einer Woche habe ich mich für ein paar Tage im Hotel verbarrikadiert. Ich wollte keinen Möchtegernguide mehr sehen, keine Souvenirs aufgequatscht bekommen und mich auch nicht mehr beschimpfen lassen. Aber selbst im Hotel wird man immer wieder gefragt, wo man denn als nächstes hinwolle und wie es eigentlich mit einer Bootstour auf dem Niger stünde.

Von allen sieben Ländern, die ich nun in Westafrika besucht habe, ist Mali zwar das touristischste aber auch das unfreundlichste. Vermutlich bedingt sich das gegenseitig – eine frustrierende Erkenntnis.

 

Der Name macht’s

•Mai 15, 2008 • 2 Kommentare

Heute vor einer Woche war ich in Timbuktu. Einmal in Timbuktu zu sein, das war so eine Art Lebensziel für mich. Jetzt, eine Woche später, finde ich es auch schon wieder ziemlich imponierend, dort gewesen zu sein. Stolz betrachte ich das Foto, auf dem ich vor dem Willkommensschild der Stadt stehe. Während ich das tue, fallen mir ein einige der Sätze ein, die ich letzte Woche vor Ort, in Timbuktu, in meinem Kopf vorformuliert habe. Da war von „ausgestorbener Grenzstadt“ und „hässlichen Wellblechdächern“ die Rede. Davon, dass Schkeuditz bei Leipzig ungefähr den gleichen Charme ausstrahlt und dass sich der lange Weg kein bisschen gelohnt hat.

Aber fangen wir von vorne an, beim Weg. Wenigstens der passt nämlich zum Mythos Timbuktu. Wir hatten am Vortag mit einem der Guides aus unserem Hotel gesprochen und er hatte einen Wagen an der Hand, der am nächsten Morgen nach Timbuktu starten sollte. Während eines 30 minütigen Gesprächs über das wann, wo, wie teuer änderten sich alle Informationen um 180° und am Ende glaubten wir nicht mehr daran, dass Wagen, Fahrer und Timbuktu überhaupt existierten. Wir beneideten zwei Engländerinnen, eine Französin und einen Kanadier, die ihren Transport über andere Guides organisiert hatten und bei denen alles zu klappen schien. Entsprechend groß war das allgemeine Erstaunen, als wir am nächsten Morgen um sechs plötzlich alle im gleichen Toyota Landcruiser saßen, obwohl jeder mit einem anderen Guide verhandelt hatte und die Angaben über die Qualität des Wagens zwischen Buschtaxi und 4-wheeled mit Klimaanlage und maximal vier Passagieren schwankten. Das Gepäck war auf dem Dach festgezurrt und trotzt der unmenschlichen Uhrzeit machte sich ein bisschen Abenteuerlaune breit, die allerdings während der ersten 150km auf Asphaltstraße in allgemeines Dösen überging. In Douentza, einem Ort, der aus fünf Blechdachhütten und einigen Tante Emma Läden an der Straße bestand, kauften wir einen letzte Vorrat an Wasser, Keksen und Mangos und verließen die Asphaltstraße, ergo die Zivilisation.

Was folgte lässt sich ungefähr so beschreiben: Man nehme eine gewöhnliche deutsche Schotterstraße mit der üblichen Anzahl mindestens 30cm tiefer Schlaglöcher (für Leser die den Twirlenbrink in Herringhausen/Bohmte kennen dienst dieser als guter Maßstab), mache sie etwa 250 Kilometer lang, verfeinere diese alle 500 Meter mit möglichst tiefen Sandfeldern*, füge eine große Anzahl langer und extrabrutaler Wellblechabschnitte** hinzu, spicke den ganzen Weg nun mit Hügeln, hinter deren Kuppe sich abwechseln ein Abhang, eine tote Kuh oder ein aus unerklärlichen Gründen mitten auf der Piste wachsender Busch befindet und stelle sich nun vor, diesen Weg in einem vollgestopften Jeep bei 42°C im Schatten und einem Fahrer, der Michael Schumacher in keinster Weise nachsteht, hinter sich zu bringen. Das Ergebnis ist regelmäßig aufkommende Übelkeit, diverse blaue Flecken und die Gewissheit, das Timbuktu wirklich am Ende der Welt liegt.

Ich bin in den letzten acht Monaten auf vielen Pisten unterwegs gewesen, aber so eine, wie die nach Timbuktu, habe ich noch nie erlebt. Ich hatte bis dato noch nie Muskelkater vom Autofahren, es war aber auch noch die nötig, dass ich mich mit Händen und Füßen sechs ein halb Stunden lang festkrallte und abstemmte, um nicht wie ein Flummi durch das Auto zu hüpfen. Meine Vorfreude auf das Aussteigen in Timbuktu stieg mit jeder Stunde im Auto.

Natürlich wusste ich, dass Timbuktu niemals so sein würde, wie man es sich vorstellt. Wobei ich nicht mal wirklich weiß, wie ich mir Timbuktu eigentlich vorgestellt hatte. Dass dort nichts ist, das hat schon René Caillé festgestellt und auch der Lonely Planet macht einem keine Hoffnngen. Aber dass es SO unglaublich öde ist, das hätte ich nun nicht erwartet. Alle alten Lehmbauten sind verschwunden und durch neue, hässliche Lehmziegelhäuser ersetzt worden. Die Bibliotheken mit einigen der ältesten islamischen Schriften der Welt sind nicht zugänglich. Davon, dass Timbuktu einst das Zentrum der islamische Lehre in Westafrika und außerdem steinreich war, ist nichts zu merken und das spektakulärste war wohl, dass mitten in Timbuktu das modernste Feuerwehrauto stand, dass ich in Westafrika zu Gesicht bekommen habe. Wir liefen einige Stunden durch die Stadt, schossen das obligatorische Foto vor dem Schild und beschlossen, schon am nächsten Tag zurück zufahren. In Timbuktu gab es nichts zu tun. Und da gewesen waren wir ja nun. Abends unternahmen ich und die Engländerinnen noch einen Kamelausritt um den Sonnenuntergang am „Tor der Sahara“ zu bestaunen.

Die Rückfahrt begann am nächsten morgen um vier. Warum um vier, das weiß keiner. Die erste Fähre über den Niger fährt erst um sechs und von Timbuktu bis zum Fluss sind es keine zwanzig Minuten. Wir standen also anderthalb Stunden am Flussufer und ich schlief seelig ein. Aufgewacht bin ich erst, als wir acht Stunden später auf die Asphaltstraße bei Douentza kamen.

An dieser Stelle muss ich nun endlich ein großes Lob an meine Eltern aussprechen. Von klein auf haben sie mich überall mit hingenommen, egal wie lange es dauerte. Nach Tunesien bin ich das erste Mal mit drei Jahren geflogen, auf den 10 stündigen Fahrten in die Schweiz wollte ich immer nur wissen, warum das Sauerland Sauerland heißt, für mehrere Jahre bin ich jedes Wochenende zur Nordesee hin und zurück gefahren und die Strecke war für mich in die kurze (A1) und die lange Autobahn (A28 ) eingeteilt. „Wannsindwirdaaaaaa?“ war nicht in meinem Wortschatz enthalten und wenn ich meine Eltern nicht gerade dazu gezwungen habe, Klassiker von Rolf Zukowski („Mein Platz im Auto ist hinten“) oder „Ein Männlein steht im Walde“ zu singen, dann habe ich geschlafen. Diese Fähigkeit ist mir bis heute erhalten geblieben. Ich kann in den schrottesten Buschtaxis auf den miesesten Pisten schlafen, solange ich nur irgendwas habe, um es zwischen Kopf und Schulter zu klemmen. Aus diesem Grund habe ich auf jeder Reise einen Schal und einen Pulli dabei. Knautscht man beides fachmännisch zusammen, schiebt es zwischen Kopf und Schulter oder Kopf und Wagenwand dann kann man überall schlafen, wenn man nur müde genug ist. Sogar auf der Piste zwischen Timbuktu und Douentza.

In Douentza wurde wir aus unerfindlichen Gründen aus dem Wagen hinauskomplimentiert und in ein Buschtaxi verfrachtet, dass uns zurück nach Mopti bringen sollte. Für die 150km Asphaltstraße brauchte dieses Gefährt fast vier Stunden. Wir waren müde, verstaubt, verschwitzt und genervt und dann ging uns auch noch das Wasser aus. Nirgends gab es welches, es waren wieder über 40°C und wir verfielen nach kurzer Zeit in ein Delirium. Wir waren nicht richtig wach, wir schliefen aber auch nicht, wir guckten starr geradeaus und sahen doch nichts und ich dachte, dass das dann jawohl ein angebrachtes Ende einer Reise nach Timbuktu sei. René Caillé ging’s ja schließlich auch nicht besser. 

 

 

*Die meisten Pisten in Westafrika sind halbwegs befestigte Schotterpisten. Durch die Deserfikation am Rande der Sahara kommt es aber immer wieder zu Sandverwehungen und über einen Abschnitt von zwanzig Metern befindet man sich plötzlich in einem Sandkasten, in dem es den Wagen hin und her wirft, in dem man nicht lenken und nicht bremsen kann. Man muss mit voller Fahrt durch diese Felder fahren, sonst läuft man Gefahr stecken zu bleiben. Für Passagiere, die hinten in den Wagen gequetscht sind, ist das keine Freude…

 

** Die „Befestigung“ der Pisten hat zur Folge, dass man schnell fahren kann. Fährt man schnell hoppeln die Stoßdämpfer auf diesen Straßen sehr und wenn viele Autos oft mit hoppelnden Stoßdämpfern über eine semibefestigte Piste rasen, dann entsteht irgendwann das berühmtberüchtigte Phänomen des Wellblechs. Das sieht aus wie der Sand im Wattenmeer bei Niedrigwasser. Wenn man schnell fährt, dann „fliegt“ man quasi drüber weg. Da die meisten Autos hier nicht schnell fahren können, wird man aber eigentlich immer brutalst durchgerüttelt und –geschüttelt und plötzlich weiß man, was Asphalt doch für eine tolle Erfindung ist.

Auf nach Timbuktu

•April 30, 2008 • 2 Kommentare

Morgen werde ich nach Mali aufbrechen und meine Reisen mit dem krönenden Abschluss eines Aufenthaltes in Timbuktu für dieses Jahr beenden. Aber warum zieht es mich eigentlich nach Timbuktu, die goldene Stadt, die eigentlich bettelarm ist und aus Lehm besteht?

Die Legende macht’s, nehme ich an. Und es fängt schon mit der Anreise per Piroge an, denn:

 

Der Nil und der Kongo mögen die längsten Flüsse Afrikas sein; der Niger ist sicherlich der legendärste. Jahrhundertelang war man im Zweifel, ob er nach Osten oder nach Westen fließt. Dutzende von Expeditionen haben ihn befahren. Und alle waren auf der Suche nach der goldenen Stadt Timbuktu, deren Mythos schon vor mehr als zweitausend Jahren Europa erreichte. Fast alle Expeditionen sind gescheitert. Die einen verloren ihre Mannschaft durch tropische Krankheiten, die anderen wurden von Nilpferden angegriffen und wieder andere wurden von den Wüstennomanden überfallen und ermordet. Im Jahre 1826 gelang es dem einzigen Überlebenden einer britischen Expedition schwer verwundet Timbuktu zu erreichen. Nach kurzer Zeit hieß der Sultan ihn die Stadt zu verlassen. Nur 50km vor der Stadt wurde er erneut überfallen und schlussendlich enthauptet.

Timbuktu verlor seinen Reiz nicht, der internationale Wettlauf ging weiter und sogar so weit, dass die Geographische Gesellschaft Frankreichs einen Preis von 10.000 Francs für den ersten Mann ausrief, dem es gelänge, die goldene Stadt zu erreichen und lebend zurückzukehren. René Caillié, ein 16-jähriger Waisenjunge hörte von diesem Preis. Er nahm seine wenigen Ersparnisse und machte sich auf den Weg nach Afrika. Er dachte sich, dass man Afrika leichter allein, mit wenig Gepäck und Kenntnissen der lokalen Kulturen und Sprachen erkunden könne, als mit Hilfe von Samtjacken, Gewehren und der Bibel, wie die Engländer es versuchten. Caillié schloss sich einem Nomadenstamm in der Sahara an und nach einem lehrreichen Jahr fühlte er sich bereit und begab sich nach Guinea, von wo er mit einem Boot den Nunez hinauf fuhr und sich einer kleinen landeinwärts reisenden Karawane anschloss. Nach drei Monaten ereichte er den Niger. Doch anstatt mit einem Einbaum den Fluss zu befahren, setzte er seine Reise barfuß auf dem Landweg fort. Nach einem Monat litt er an akuter Malaria, konnte nichts mehr zu sich nehmen und hatte Geschwüre an seinem Fuß. Eine alte Frau nahm sich seiner an. Als nach vier Monaten die Malaria vorüber und der Fuß fast genesen war, bekam er Skorbut. Die alte Frau pflegte ihn abermals gesund. Fast ein halbes Jahr nach seiner Ankunft im Dorf der Frau, der er sein Leben zu verdanken hatte, schloss er sich einer Handelskarawane an und erreichte Djenne, eine Festungsstadt die auf einer Insel inmitten des Nigers liegt. In Djenne ging er an Bord einer Piroge, wo er unter Deck zwischen den Sklaven einen Platz zugewiesen bekam. Der weitere Weg wurde von Piratenüberfällen bestimmt. Dank der Sklaven, die Caillié bei Überfällen unter Decken und Matten versteckten, passierte ihm nichts. Am 25. April 1828, ein Jahr nach Beginn seiner Reise, erreicht Caillié Timbuktu: „Die Stadt war auf den ersten Blick nicht mehr als eine Ansammlung hässlicher Lehmhütten: Wohin man auch schaute, es gab nichts zu sehen als gewaltige Ebenen weißgelbe Treibsandes. Bis zum Horizont war der Himmel hellrot.“

Nach nur 10 Tagen verließ Caillié Timbuktu in Richtung Marokko. Es war Sommer, die Temperaturen betrugen bis zu 70°C und die 1600 Kilometern bis nach Nordmarokko führten an weniger als 20 Wasserstellen vorbei. Caillié musste sich auf eine Ration von weniger als einem Achtel Liter schmutzigen Wassers pro Tag beschränken und erreichte nach drei Monaten Marokko. Er war so ausgemergelt, dass seine Knochen durch die Haut stachen. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich war Caillié ein Nationalheld. Er erhielt die 10.000 Francs und wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Seine Geschichte schrieb er im „Journal d’un voyage à Tombouctou et à Jenne“ nieder. Seine Beschreibung Timbuktus passte jedoch nicht zu dem Bild, dass sich die französischen Leser von der sagenumwobenen Stadt ausgemalt hatten. Er wurde als Scharlatan angesehen und geriet in Vergessenheit. Sechs Jahre später starb er an den Krankheiten, die er sich auf seiner Reise zugezogen hatte.

 

Dieser Beitrag basiert weitestgehend auf einem Auszug aus dem wunderbaren Buch „Mit der Ente durch Afrika“ von Gerd Duson, das ich kurz vor meiner Abreise geschenkt bekommen habe. Der Autor ist ein reisefanatischer Belgier, der zusammen mit einem Freund und einem Citroen 2CV namens Chuckie in Schlagenlinien von Brüssel nach Kapstadt gefahren ist. Da ich hier keine Möglichkeiten habe, eine ausgiebige Recherche zu betreiben, belasse ich es bei dieser Zusammenfassung, die Duson „Ode an einen Helden“ betitelt.

Mangosegen

•April 30, 2008 • Kommentar schreiben

Die Mangos sind reif. Das äußert sich zum einen darin, dass an jeder Ecke Frauen sitzen und Mangos für 14 Eurocent/Stück verkaufen. Zum anderen fallen die reifen Mangos des Baumes in unserem Garten vorzugsweise auf das Blechdach meines Zimmers, was zu regelmäßigem Gedonner und damit verbundenen Adrenalinstößen führt.

Ich habe derzeit einen täglichen Verbrauch von 2-3 Mangos wobei ich als bevorzugte Zubereitungsform die sogenannte Anfängermethode gewählt habe: Man schält die Mango komplett, schneidet sich rundherum Stücke und Scheiben ab und lutscht dann noch die Reste vom Kern. Laut meiner neuen deutschen Mitbewohnerin ist das die effektivste Methode und da muss ich ihr Recht geben. Nachteil dieser Methode ist, dass man hinterher überall Mango kleben hat und einem der Saft die Arme herunter läuft. Eine etwas saubere (aber wesentlich unspaßigere) Methode besteht darin, das Mangofleisch samt Schale an den beiden flachen Seiten des Kerns abzuschneiden, Karos in das Fruchtfleisch zu ritzen, die Schale „auf links“ zu drehen und die hübschen Quadrate säuberlich abzunagen, bevor man dann die Reste rund um den Kern wegschneidet und auf eine ähnlich Weise verspeist. Die Deluxe-Form dieser Methode besteht darin, die Mango entlang der schmalen Seite des Kerns rundherum aufzuschneiden und dann mit einem gekonnten Schwung die beiden Hälfte in die entgegengesetzen Richtungen drehen, so dass sich im Idealfall der Kern löst und man die gesamte Mango kernlos mittels der Karoritzmethode verspeisen kann. Meistens fällt der Versuch des Drehens aber schmieriger und unappetitlicher aus als die Anfängermethode.

Nach ausführlichen Testreihen hat sich inzwischen auch die Idealmango herauskristallisiert, die sich nicht nur durch guten Geschmack, sondern auch durch Faserlosigkeit (erfreulich für die Zahnzwischenräume) und gute Schälbarkeit (erfreulich für mich) auszeichnet. Es gibt nämlich mindestens fünf verschiedene Sorten und die gibt’s jeweils noch in verschiedenen Qualitäten. Nur damit ihr’s wisst.

Vom Träumen

•Februar 23, 2008 • 5 Kommentare

Laut meiner ausgezeichneten Mitbewohnerin habe ich ein sehr ausgeprägtes Traumleben. Während sie einfach nur träumt, dass ihr die Zähne ausfallen, träume ich meistens ganz detailliert von dem, was mich über Tag so beschäftigt.

Als ich beispielsweise gerade ein Buch über die Initiationsriten einer kleinen Ethnie in Kamerun las, träumte ich von Geistern und Ahnen, von Tänzen ums Feuer und mit Dreck bespritzen Menschenschädeln und als ich für eine Klausur über den Salomonischen Tempel lernte, träumte ich davon, am Tempelbau beteiligt zu sein und das eherne Meer, seines Zeichens ein riesenroßes Bronzebecken mit allerlei symbolischer Funktion, aufzustellen.

Kurz bevor ich nach Burkina kam träumte ich regelmäßig davon, wie ich in Burkina empfangen würde, oder auch nicht, da ich in einem am Flughafen vergessen wurde. Den ersten Monat hier habe ich dann immer wieder geträumt, ich hätte den Flug verpasst und stünde noch in Hannover oder aber ich sei geflogen und hätte mein gesamtes Gepäck vergessen. Meine hiesigen Mitbewohner interpretierten daraus, dass ich psychisch noch irgendwo zwischen Burkina und Deutschland steckte.

Seit ich so richtig in Burkina angekommen bin, sind meine Träume noch bunter und detaillierter geworden. Entgegen aller Annahmen nehme ich keine Malariamittel oder Drogen und auch mein Konsum an Kolanüssen ist äußerst gering.

Meine Träume sind trotzdem manchmal fast schon visionär – wenn ich an so etwas glauben würde zumindest. Beispielsweise träumte ich auf der letzten Reise, als wir nach einer sechsstündigen Horrorfahrt im Buschtaxi völlig fertig Mittags in Abomey/Benin ankamen und erst mal schlafen mussten, dass der Hotelbesitzer M. La Lutta uns ein grandioses Omlette mit Zwiebeln, Tomaten und frischem Brot serviert. Als ich aufwachte hatte ich Hunger und fragte M. La Lutta, ob er uns irgendetwas zubereiten könne. Prompt bekamen wir ein Omlette mit Zwiebeln, Tomaten und frischem Brot, das definitiv das beste war, was ich je gegessen habe.

Ich habe kaum noch das Bedürfnis ins Kino zu gehen. Ich geh einfach schlafen, das ist unterhaltsam genug. Im Kino laufen hier sowieso nur billige Actionstreifen, da erträume ich mir doch lieber, dass ich die beste Freundin von Pipi Langstrumpf bin. Oder dass ich zusammen mit René Caillé, dem ersten Europäer, der Timbuktu besuchte und lebend zurückkehrte und in meinem Traum eine überraschend große Ähnlichkeit mit George Cloony aufwies, auf Reisen bin. Und als ich träumte, dass ich eine Weltumseglung mache, war das auch wirklich spannend. Wobei ich es im Nachhinein schon etwas seltsam fand, dass diese in einem Bus mit Ziegen auf dem Dach stattfand.

Aber immer noch besser als ausfallende Zähne. Allerdings träumte ich letztens auch, dass ich die Ankunft meiner besagten ausgezeichneten Mitbewohnerin, die mich in einigen Tagen hier in Ouaga besuchen wird, vergesse und sie darüber so böse ist, dass sie den nächsten Flieger zurück nach Deutschland nimmt. Ich hoffe doch sehr, dass diese Traum keine visionären Tendenzen enthält. Ich stell mir sicherheitshalber trotzdem drei verschiedene Wecker am Montag, soviel steht fest.

Der Kassettenrekorder – Protokoll einer burkinischen Vorlesung

•Januar 31, 2008 • 3 Kommentare

Im Folgenden gebe ich einen ins Deutsche übersetzen Ausschnitt einer Vorlesungsmitschrift wieder. Es handelte sich um die Veranstaltung „Littérature orale africaine“. Wie der Name sagt, geht es um orale, traditionelle, afrikanische Literatur. Der Kurs gibt anfänglich einen Überblick über orale Literatur und soll uns anschließend in die Techniken zur Aufnahme solcher Literatur einführen, damit wir am Ende selbst in die Dörfer gehen, orale Literatur „einfangen“ und diese dann analysieren können.

In der vorliegenden Vorlesung ging es um den „Kassettenrekorder“ als Mittel zur Aufnahme oraler Literatur. Ich sollte dazu sagen, dass alle meine Kommilitonen mit einem handelsüblichen Kassettenrekorder umgehen konnten und sich ungefähr genauso über den Eifer des Professors amüsierten wie ich…

„Littérature orale africaine“ – 21.01.2007

Der Kassettenrekorder Der Kassettenrekorder hat verschiedene Funktionen: Die kardinalen Funktionen, die komplementären Funktionen und das Zubehör. 

Die kardinalen Funktionen sind jene, die an allen Kassettenrekorden zu finden sind. Sie sind essentiell für das Funktionieren des Apparates und durch die folgenden Tasten materialisiert:

  • „Play“ à Zum Abspielen dessen, was aufgenommen wurde
  • „Record“ à Meistens handelt es sich hierbei um einen roten Knopf, er dient der Aufnahme dessen, was gesagt wird und wird zusammen mit der „Play“-Taste verwendet
  • „Foreward“ à Dient dem schnellen Vorspulen eines Bandes
  • „Rewind“ à Dient einem schnellen Zurückspulen des Bandes
  • „Stop“ à Beendet das Abspielen des Bandes und in manchen Fällen auch den Motor des Apparates
  • „Eject“ à Diese Funktion ist oft mit der Funktion „Stop“ kombiniert, die dient dazu die Kassette auszugeben
  • „Volume“ à Dient dem Steigern bzw. Verringern der Lautstärke des Tons

Die komplementären Funktionen sind unterschiedlich, je nach Art und Marke des Kassettenrekorders.

  • „Pause“ à Beendet das Abspielen des Bandes ohne den Motor des Apparates auszustellen, dies ermöglicht eine geräuscharme Aufnahme
  • „Copy rapid“ à Diese Funktion findet sich ausschließlich bei Kassettenrekordern mit zwei Motoren. Sie erlaubt es, eine bereits bespielte Kassette mit einer höheren Geschwindigkeit als „Play“ zu kopieren
  • „dubbing“ à Diese Funktion erlaubt es einen reineren Ton aufzunehmen

Das Zubehör:

  • Die Energienquellen wie z.B. Batterien
  • Die Kassetten (es gibt verschiedene Kassettensorten, die sich in Spielzeit und Qualität unterscheiden, beispielsweise die 30/60-Minuten-Kassetten die als die besten Kassetten angesehen sind, da sie die wenigsten Probleme bereiten)
  • Das Mikrofon, welches dazu dient, den Ton aufzunehmen

Den Rest der Vorlesung verbrachten wir damit, die jeweiligen internationalen Symbole hinter die Funktionserläuterungen zu malen und uns dann eine ausführliche Anweisung dazu diktieren zu lassen, wie man aufnimmt bzw. abspielt und was man dabei zu beachten hat.

In der folgenden Woche ist übrigens „Die Kamera“ dran. Das verspricht höchstinteressant zu werden.

Endlich Uni

•Januar 31, 2008 • 1 Kommentar

Mit drei Monaten Verspätung, die an einem dreiwöchigen Streik im April letztes Jahres lagen, hat am 07. Januar 2007 nun endlich die Uni beginnen. Was ich dann in den letzten Wochen rausfinden konnte ist folgendes: Das Studieren hier ist ziemlich scheußlich, ich bin froh, das nur so nebenbei, nur mal ein paar Monate lang und nur in den Außenseiterfächern zu tun.

Die meisten Vorlesungen sind mit um die 200 Mann in Literaturwissenschaft oder Linguistik richtig leer – verglichen mit der Ökonomie, wo mal eben so um die 1000 Studenten einen Hörsaal bevölkern. Wer einen Platz kriegen will, der schläft in der Uni. Oder kennt zumindest jemanden, der in der Uni schläft.

Wir befinden uns in Westafrika, d.h. das Mikrofon des Professors funktioniert für gewöhnlich nicht und ab der 10. Reihe ist kaum noch was zu verstehen. Vorlesungen sind hier im wahrsten Sinne des Wortes Vorlesungen: Der Prof liest vor, der Student schreibt mit. Wortwörtlich. Im ganzen Satz. Das ist so vorgesehen, der Prof diktiert regelrecht. Satz für Satz, inklusive Satzzeichen versteht sich. In der Klausur ist dann widerzugeben, was der Herr Professor diktiert hat, wortwörtlich im besten Falle.

Eigenarbeit der Studenten, Seminare, Referate, Wortmeldungen, das gibt es alles nicht. Ich habe dieses System nach einer Woche für sinnlos befunden. Vor allen Dingen, weil sich mein Französisch in den letzten Monaten zwar enorm verbessert hat, so ein Diktat mich aber trotzdem noch fertig macht, erst Recht wenn es drei oder vier Stunden dauert – so lang sind Vorlesungen hier nämlich.

Gerade wegen dieser Erfahrungen wollte ich aber an die Université de Ouagadougou. Ich hatte keine Lust auf eine afrikanische Elite-Uni in Tanzania, Kenia, Uganda oder Südafrika, ich wollte so studieren, wie der durchschnittliche Afrikaner studiert. Und der durchschnittliche Afrikaner kann sich die Uni in Daressalam, Nairobi, Kampala oder Stellenbosch nicht leisten, er geht auf eine einfache staatliche Uni, die im Falle von Burkina Faso für Staatsbürger 25 Euro im Jahr kostet.

Glücklicherweise habe ich hier eine Extrawurst: Ich bin im ersten Jahr der Literaturwissenschaft eingeschrieben, konnte dem Direktor aber die Erlaubnis abbetteln, dass ich nicht das volle Programm eines Literaturwissenschaftstudenten im ersten Jahr machen muss, sondern mir stattdessen aus allen vier Studienjahren die für mich interessanten, d.h. auf Afrika bezogenen Veranstaltungen raussuchen und zudem auch am Département pour Linguistique studieren darf.

Wo ich nun so freie Hand hatte, hab ich mir kurzerhand alle optionalen Kurse rausgesucht, keine überlaufenen Pflichtveranstaltungen. Dabei herausgekommen ist „Litttératur orale africaine“, „Ethnolingustique“ (wobei diese Vorlesung erst im Februar beginnt) und „Alphabétisation et Développement“.

In diesen optionalen Kursen sitzen wir mit maximal 10 Leuten. Die Dozenten sind in so einer kleinen Gruppe etwas einfallsreicher, stellen mal Fragen in die Runde oder erzählen irgendwelche Schwänke. Es kommt sogar hier und da zu Diskussionen. In diesen kleinen Gruppen werde ich außerdem wesentlich schneller integriert. Anstatt das mich alle ganz anonym anstarren, fragen sie gleich, wer ich bin, was ich mache, woher ich komme. Faszinierenderweise hat mir noch keiner seine Telefonnummer aufgedrängt, eine Sache unter der ich sonst als blonde, weiße Frau öfter zu leiden habe. Ebenso faszinieren ist die Tatsache, dass es ziemlich normal gefunden wird, dass ich da so zwischen sitze: Und das obwohl es so in etwa sechs weiße Studenten an der gesamten Uni gibt. Selbst wenn ich auf falschem Französisch irgendwelche Kommentare abgebe, finden das alle in Ordnung. Keiner guckt, keiner lacht, mir wird höchstens mal bei der Suche nach einem Begriff geholfen. Die Profs waren bisher auch sehr nett und offen, einer entschuldigt sich sogar jedes Mal, wenn er sieht, dass ich ein Wort nachschlage. Als ob er etwas dafür könne, dass ich so ein beschränktes Vokabular habe…

Das volle Verwöhnaroma mit der Würze Ostafrikas

•Januar 24, 2008 • 1 Kommentar

Ich mag Kaffee. Am liebsten, wenn er mit schön viel schaumiger Milch aufgegossen wird. Oder noch besser, wenn die schöne, schaumige Milch mit Kaffee, vorzugsweise Espresso, aufgegossen wird. Latte Machiatto, schmutzige Milch, ist das dann. Ein göttliches Getränk, wie ich finde.

kaffeezubereitung.jpgKaffee ist das wertvollste international gehandelte Agrarerzeugnis. 1980 betrug sein Exportwert 11.600 Millionen US-Dollar, womit der Kaffee im Rohstoffhandel hinter dem Erdöl an zweiter Stelle steht. Die Erzeugerländer sind stark vom Kaffee abhängig. 1979 bestritten neun afrikanische Länder (Äthiopien, Elfenbeinküste, Kenia, Tansania, Madagaskar, Ruanda, Burundi, Uganda und die Zentralafrikanische Republik) über 25% ihrer Gesamtdeviseneinkünfte durch den Kaffeeverkauf.

Die Preise für Kaffee sind trotz des Internationalen Kaffeeabkommens von 1963 starken Schwankungen ausgesetzt, die die wirtschaftliche Planung, besonders die der ärmsten Länder, erschwert. Die Preise für Rohprodukte sinken, der überwiegende Teil der in der Welt produzierten Fertigwaren wird in den reichen Ländern hergestellt und die Dritte Welt wird mit immer schlechteren Terms of Trade konfrontiert: 1969 konnte ein Kaffee produzierendes Land für 66 Sack Kaffee einen Laster kaufen, 1979 wurden für den gleichen Laster 123 Sack Kaffee benötigt.

Zur Verbesserung der Situation müssten Kaffeeproduzenten selbst mehr Kaffee verarbeiten. Der Handel und die Weiterverarbeitung des Kaffees in den Industrieländern wird jedoch von zwei Unternehmen kontrolliert: General Foods und Nestlé. Diese Unternehmen haben auch die Patente für die meisten Verarbeitungstechniken und somit die technologische Vorherrschaft. Die Erzeugerländer haben kaum eine Chance ihren Bedürfnissen angepasste Technologien zu erwerben bzw. – sollte ihnen dies gelingen – Zugang zum Weltmarkt zu erhalten.

Nehmen wir einmal das Beispiel Tansania. Im Jahre 1963, kurz nach der Unabhängigkeit, gründete die Regierung Tansanias einen Betrieb zur Verarbeitung von Kaffee. Von Anfang an war klar, dass ihnen kaum etwas anderes übrig blieb, als das Know-How der transnationalen Firmen zu kaufen. Man wollte löslichen Kaffee herstellen, die nötigen Technologien und Zugang zu den Absatzmärkten hatten aber nur die westlichen Nationen. 1966 wurde die von einer deutschen Firma gebaute Fabrik fertig gestellt, die Ausstattung war enorm veraltet. Bis 1970 konnte kein löslicher Kaffee hergestellt werden, weil der Zerstäubungstrockner nicht funktionierte. Mit Hilfe einer weiteren deutschen Firma wurden umfangreiche Änderungen vorgenommen, wegen Betriebsschwierigkeiten wurden jedoch bis 1972 weiterhin keine Gewinne erzielt, danach wurden die Gewinne von den Verlusten der vorherigen Jahre aufgezehrt. Als endlich ein eine geregelte Produktion begann, fanden die Tansanier keine Absatzmöglichkeiten, da ihr Kaffee keinen bekannten Markenname hatte. Um die Schließung der Fabrik zu verhindern, musste Nestlé gebeten werden, die nötigen Management- und Marketingkenntnisse zu vermitteln und Führungskräfte auszubilden. Anstatt Tansania zu unterstützen scheint Nestlé aber sein möglichstes getan zu haben, um die Produktion des Betriebes einzuschränken: Der Kaffee wurde nur in Ostafrika vertrieben, denn sonst hätte die ebenfalls qualitativ hochwertige Marke Africafe dem Nestlé-eigenen Nescafé Konkurrenz machen können. So produzierte das Werk nur die Hälfte seiner maximalen Jahreskapazität.

Die Ausgaben für das Nestlé-Management waren dagegen beträchtlich: Sie überstiegen den Gesamtgewinn der Firma. 1973 bekamen die zwei Nestlé-Angestellten (ein Manager und ein Ingenieur) mehr Geld als die 80-köpfige tansanianische Belegschaft.

Selbst als der Vertrag 1979 auslief, waren die Tansanier nicht in der Lage, das Werk selbst zu leiten. Offensichtlich wurden die Arbeiter an weitaus moderneren Anlagen als den in ihrer Fabrik vorhandenen ausgebildet oder Mitarbeiter an Stellen eingesetzt, die nicht ihrer Ausbildung entsprachen. So musste der Vertrag mit Nestlé erneut werden.

Wie ich dazu komme, meine werte Leserschaft mit Auszüge aus einem Referat, dass ich vor einigen Semestern in einem Wirtschaftsseminar der Afrikanistik gehalten habe, zu belästigen? Nun, auch wenn die oben genannten Zahlen alt sind, das Problem ist aktuell. In Togo, Ghana und der Elfenbeinküste gibt es unzählige Kaffeeplantagen. Aber alles was man hier bekommen kann ist Nescafé. Und ganz abgesehen davon, dass man Nestlé schon allein aus humanitären Gründen boykottieren sollte – es ist einfach mal ein Fakt, dass Nescafé im Grunde ungenießbar ist.

kaffee.jpgIn den letzten vier Monaten habe ich alles versucht: Ich habe Nescafé den Angaben auf der Dose entsprechend zubereitet. Ich habe die doppelte Menge Pulver genommen und das Gebräu mit aufgeschäumter Milch aufgegossen. Ich habe es mit Zucker versucht, mit Milchpulver und mit regelmäßigen Konsum zwecks Gewöhnung. Alle Versuche sind gescheitert, Nescafé ist absolut genussresistent.

Aus diesem Grund habe ich mir Kaffee gewünscht. Echten, frischen Kaffee. Das volle Verwöhnaroma. Das Feuer Brasiliens. Die Würze Ostafrikas. Das Temperament Mittelamerikas. Vollendeter, veredelter Spitzenkaffee eben.

Gestern kam er dann endlich an. Zusammen mit einem Stapel Filter, die gibt’s hier dank Nescafé ja auch nicht. Ein alter Joghurtbecher, mit Hammer und Nagel ein wenig umgestaltet, dient jetzt als Kaffeefilter. Er passt ganz prima auf meine Tasse. Mit viel Geduld, Ausdauer und einer Gabel ist es mir gelungen, wunderschönen Milchschau herzustellen. Und dann konnte ich ihn endlich wieder schlürfen, meinen Latte Machiatto. Ich glaube, ich habe ihn selten so sehr genossen.