Heute vor einer Woche war ich in Timbuktu. Einmal in Timbuktu zu sein, das war so eine Art Lebensziel für mich. Jetzt, eine Woche später, finde ich es auch schon wieder ziemlich imponierend, dort gewesen zu sein. Stolz betrachte ich das Foto, auf dem ich vor dem Willkommensschild der Stadt stehe. Während ich das tue, fallen mir ein einige der Sätze ein, die ich letzte Woche vor Ort, in Timbuktu, in meinem Kopf vorformuliert habe. Da war von „ausgestorbener Grenzstadt“ und „hässlichen Wellblechdächern“ die Rede. Davon, dass Schkeuditz bei Leipzig ungefähr den gleichen Charme ausstrahlt und dass sich der lange Weg kein bisschen gelohnt hat.
Aber fangen wir von vorne an, beim Weg. Wenigstens der passt nämlich zum Mythos Timbuktu. Wir hatten am Vortag mit einem der Guides aus unserem Hotel gesprochen und er hatte einen Wagen an der Hand, der am nächsten Morgen nach Timbuktu starten sollte. Während eines 30 minütigen Gesprächs über das wann, wo, wie teuer änderten sich alle Informationen um 180° und am Ende glaubten wir nicht mehr daran, dass Wagen, Fahrer und Timbuktu überhaupt existierten. Wir beneideten zwei Engländerinnen, eine Französin und einen Kanadier, die ihren Transport über andere Guides organisiert hatten und bei denen alles zu klappen schien. Entsprechend groß war das allgemeine Erstaunen, als wir am nächsten Morgen um sechs plötzlich alle im gleichen Toyota Landcruiser saßen, obwohl jeder mit einem anderen Guide verhandelt hatte und die Angaben über die Qualität des Wagens zwischen Buschtaxi und 4-wheeled mit Klimaanlage und maximal vier Passagieren schwankten. Das Gepäck war auf dem Dach festgezurrt und trotzt der unmenschlichen Uhrzeit machte sich ein bisschen Abenteuerlaune breit, die allerdings während der ersten 150km auf Asphaltstraße in allgemeines Dösen überging. In Douentza, einem Ort, der aus fünf Blechdachhütten und einigen Tante Emma Läden an der Straße bestand, kauften wir einen letzte Vorrat an Wasser, Keksen und Mangos und verließen die Asphaltstraße, ergo die Zivilisation. 
Was folgte lässt sich ungefähr so beschreiben: Man nehme eine gewöhnliche deutsche Schotterstraße mit der üblichen Anzahl mindestens 30cm tiefer Schlaglöcher (für Leser die den Twirlenbrink in Herringhausen/Bohmte kennen dienst dieser als guter Maßstab), mache sie etwa 250 Kilometer lang, verfeinere diese alle 500 Meter mit möglichst tiefen Sandfeldern*, füge eine große Anzahl langer und extrabrutaler Wellblechabschnitte** hinzu, spicke den ganzen Weg nun mit Hügeln, hinter deren Kuppe sich abwechseln ein Abhang, eine tote Kuh oder ein aus unerklärlichen Gründen mitten auf der Piste wachsender Busch befindet und stelle sich nun vor, diesen Weg in einem vollgestopften Jeep bei 42°C im Schatten und einem Fahrer, der Michael Schumacher in keinster Weise nachsteht, hinter sich zu bringen. Das Ergebnis ist regelmäßig aufkommende Übelkeit, diverse blaue Flecken und die Gewissheit, das Timbuktu wirklich am Ende der Welt liegt.
Ich bin in den letzten acht Monaten auf vielen Pisten unterwegs gewesen, aber so eine, wie die nach Timbuktu, habe ich noch nie erlebt. Ich hatte bis dato noch nie Muskelkater vom Autofahren, es war aber auch noch die nötig, dass ich mich mit Händen und Füßen sechs ein halb Stunden lang festkrallte und abstemmte, um nicht wie ein Flummi durch das Auto zu hüpfen. Meine Vorfreude auf das Aussteigen in Timbuktu stieg mit jeder Stunde im Auto.
Natürlich wusste ich, dass Timbuktu niemals so sein würde, wie man es sich vorstellt. Wobei ich nicht mal wirklich weiß, wie ich mir Timbuktu eigentlich vorgestellt hatte. Dass dort nichts ist, das hat schon René Caillé festgestellt und auch der Lonely Planet macht einem keine Hoffnngen. Aber dass es SO unglaublich öde ist, das hätte ich nun nicht erwartet. Alle alten Lehmbauten sind verschwunden und durch neue, hässliche Lehmziegelhäuser ersetzt worden. Die Bibliotheken mit einigen der ältesten islamischen Schriften der Welt sind nicht zugänglich. Davon, dass Timbuktu einst das Zentrum der islamische Lehre in Westafrika und außerdem steinreich war, ist nichts zu merken und das spektakulärste war wohl, dass mitten in Timbuktu das modernste Feuerwehrauto stand, dass ich in Westafrika zu Gesicht bekommen habe. Wir liefen einige Stunden durch die Stadt, schossen das obligatorische Foto vor dem Schild und beschlossen, schon am nächsten Tag zurück zufahren. In Timbuktu gab es nichts zu tun. Und da gewesen waren wir ja nun. Abends unternahmen ich und die Engländerinnen noch einen Kamelausritt um den Sonnenuntergang am „Tor der Sahara“ zu bestaunen.
Die Rückfahrt begann am nächsten morgen um vier. Warum um vier, das weiß keiner. Die erste Fähre über den Niger fährt erst um sechs und von Timbuktu bis zum Fluss sind es keine zwanzig Minuten. Wir standen also anderthalb Stunden am Flussufer und ich schlief seelig ein. Aufgewacht bin ich erst, als wir acht Stunden später auf die Asphaltstraße bei Douentza kamen.
An dieser Stelle muss ich nun endlich ein großes Lob an meine Eltern aussprechen. Von klein auf haben sie mich überall mit hingenommen, egal wie lange es dauerte. Nach Tunesien bin ich das erste Mal mit drei Jahren geflogen, auf den 10 stündigen Fahrten in die Schweiz wollte ich immer nur wissen, warum das Sauerland Sauerland heißt, für mehrere Jahre bin ich jedes Wochenende zur Nordesee hin und zurück gefahren und die Strecke war für mich in die kurze (A1) und die lange Autobahn (A28 ) eingeteilt. „Wannsindwirdaaaaaa?“ war nicht in meinem Wortschatz enthalten und wenn ich meine Eltern nicht gerade dazu gezwungen habe, Klassiker von Rolf Zukowski („Mein Platz im Auto ist hinten“) oder „Ein Männlein steht im Walde“ zu singen, dann habe ich geschlafen. Diese Fähigkeit ist mir bis heute erhalten geblieben. Ich kann in den schrottesten Buschtaxis auf den miesesten Pisten schlafen, solange ich nur irgendwas habe, um es zwischen Kopf und Schulter zu klemmen. Aus diesem Grund habe ich auf jeder Reise einen Schal und einen Pulli dabei. Knautscht man beides fachmännisch zusammen, schiebt es zwischen Kopf und Schulter oder Kopf und Wagenwand dann kann man überall schlafen, wenn man nur müde genug ist. Sogar auf der Piste zwischen Timbuktu und Douentza.
In Douentza wurde wir aus unerfindlichen Gründen aus dem Wagen hinauskomplimentiert und in ein Buschtaxi verfrachtet, dass uns zurück nach Mopti bringen sollte. Für die 150km Asphaltstraße brauchte dieses Gefährt fast vier Stunden. Wir waren müde, verstaubt, verschwitzt und genervt und dann ging uns auch noch das Wasser aus. Nirgends gab es welches, es waren wieder über 40°C und wir verfielen nach kurzer Zeit in ein Delirium. Wir waren nicht richtig wach, wir schliefen aber auch nicht, wir guckten starr geradeaus und sahen doch nichts und ich dachte, dass das dann jawohl ein angebrachtes Ende einer Reise nach Timbuktu sei. René Caillé ging’s ja schließlich auch nicht besser.
*Die meisten Pisten in Westafrika sind halbwegs befestigte Schotterpisten. Durch die Deserfikation am Rande der Sahara kommt es aber immer wieder zu Sandverwehungen und über einen Abschnitt von zwanzig Metern befindet man sich plötzlich in einem Sandkasten, in dem es den Wagen hin und her wirft, in dem man nicht lenken und nicht bremsen kann. Man muss mit voller Fahrt durch diese Felder fahren, sonst läuft man Gefahr stecken zu bleiben. Für Passagiere, die hinten in den Wagen gequetscht sind, ist das keine Freude…
** Die „Befestigung“ der Pisten hat zur Folge, dass man schnell fahren kann. Fährt man schnell hoppeln die Stoßdämpfer auf diesen Straßen sehr und wenn viele Autos oft mit hoppelnden Stoßdämpfern über eine semibefestigte Piste rasen, dann entsteht irgendwann das berühmtberüchtigte Phänomen des Wellblechs. Das sieht aus wie der Sand im Wattenmeer bei Niedrigwasser. Wenn man schnell fährt, dann „fliegt“ man quasi drüber weg. Da die meisten Autos hier nicht schnell fahren können, wird man aber eigentlich immer brutalst durchgerüttelt und –geschüttelt und plötzlich weiß man, was Asphalt doch für eine tolle Erfindung ist.